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Tolkien (Thomas Newman)

Tolkien (2019) von Regisseur Dome Karukoski ist ein Biopic über J.R.R. Tolkien. Während gut 110 Minuten erzählt er aus Tolkiens Leben, angefangen in den Kinderjahren, die Tolkien als Waisenjunge in einem kleinen Kreis von Ausgestoßenen verbringt. Doch bereits hier findet er Inspiration für seine fantastischen Geschichten, die ihn später weltberühmt machen werden – namentlich „The Hobbit“, „The Lord of the Rings“ und „The Silmarillion“ – und es keimt seine Liebe und Faszination für Sprachen. Im kleinen jedoch starken Freundeskreis wächst der etwas exzentrische Tolkien auf, doch dieser Freundeskreis droht im Zuge der Gräuel des Ersten Weltkriegs, den Tolkien am eigenen Leib in den Schützengräben bei Somme miterleben muss, zerstört zu werden. Regisseur Karukoski leuchtet die Figur Tolkien anhand ausgewählter Lebensepisoden aus. Zudem macht er Andeutungen, inwieweit gemachte Lebenserfahrungen das spätere literarische Schaffen beeinflusst haben könnten – Rauchschwaden auf den apokalyptischen Kriegsfeldern werden zu verzerrten Geistwesen, die später Mittelerde durchkreuzen etc. 


Auch wenn dieses Biopic ab und an Mittelerde-Referenzen aufweist, hat Tolkien punkto Machart und Erzählstil nichts mit Peter Jacksons weltbekannten Lord of the Rings- (2001–2003) und Hobbit-Trilogien (2012–2014) zu tun. Hier steht die Person Tolkien im Fokus und nicht direkt dessen Mittelerde-Erzählungen. Dennoch hätten sich im Vorfeld viele Filmmusik-Fans gewünscht, dass Howard Shore dieses Biopic vertonen würde und so einen Brückenschlag zu seinem inzwischen ikonischen Mittelerde-Musikuniversum, das er für die Jackson-Filme geschaffen hat, zu machen. Doch als Komponist für Tolkien wurde Thomas Newman verpflichtet und dies hört man der Musik von Anfang bis Schluß zweifellos an. Sprich, hier erklingen die etablierten Newman-Stilismen in jedem Stück, womit die Filmmusik zu Tolkien auf ganz anderem Ton spielt als jene von Shore für die oben genannten Trilogien. Dass Thomas Newman nicht mal die kleinste zumindest thematische Referenz auf Shores Musik macht, darf zwar etwas ernüchtern, doch abgesehen von dieser Tatsache präsentiert sich dem Hörer mit Tolkien eine unterhaltsame, stimmungsvolle wenn auch oftmals altbekannt klingende Newman-Arbeit. 


Ob Howard Shore als Komponist überhaupt je angedacht war, ist nicht bekannt. In einem kurzen Video-Making-of sagt Regisseur Karukoski, dass er für Tolkien eine Musik wollte, die klingen solle, als würde sie einer anderen Welt entstammen. Daher habe er Thomas Newman schon früh das Drehbuch geschickt, denn Newmans Musik habe sehr häufig einen nicht-von-dieser-Welt-Klangcharakter. Wenn man mit Newmans Arbeit etwas vertraut ist, kann man dies gut nachvollziehen. Newman verknüpft Orchestermusik mit synthetischen Elementen und Spezialinstrumenten auf einzigartige Weise. Er hat sich damit einen unverwechselbaren Namen gemacht. Seiner Musik haftet tatsächlich häufig ein außerirdischer Charakter an – mit manipulierten Klängen, Gesängen, Echoeffekten. Zusammen sollen Thomas Newman und Regisseur Karukoski fast ein ganzes Jahr an der Musik zu Tolkien gearbeitet haben. Dass das Ergebnis dennoch primär eine Newman-Rundumschau geworden ist, überrascht unter diesen Umständen dann doch. Viele Stücke auf diesem Album könnten auch aus einer früheren Arbeit von Newman entstammen. Während man sich die Tolkien-Musik anhört, eröffnen sich einem kaum Musikmomente, die zweifelsfrei den Link zu diesem Film machen. Wenn nicht mit Orchestration und Klang, dann hätte das auch über ein markantes, originelles Hauptthema geschehen können. Aber ein solches Hauptthema liefert Newman nicht. Einzig der häufig präsente, synthetisch manipulierte Gesang von Solisten und den London Voices kann hier als markanteres Element ausgemacht werden. Punkto Instrumentalmusik ist Tolkien Newman-Einheitskost geworden – gut gemacht, schön und entspannend anzuhören, aber wenig aufregend. Wer diesen Newman-Sound hören will, der wird hier entsprechend bestens bedient. Für alle anderen dürfte Tolkien nicht mehr als eine angenehm plätschernde, mysteriös-melancholische Hintergrundmusik sein. 


★★★
Basil Böhni 


USA 2019 / Musik-VÖ [CD]: 03.05.2019
Sony Music
51:24 Min / 25 Tracks
Kinostart (D): 20.06.2019