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Across the Stars (John Williams / Anne-Sophie Mutter)

Nun ist es endlich da, das Album „Across the Stars“ von Anne-Sophie Mutter und John Williams. „Endlich“ deshalb, weil die Marketing-Maschinerie hierfür bereits seit einem Jahr dreht. Es begann mit ersten kurzen Interview-Statements, dann gab es im Rahmen des 120-Jahre-Jubiläumskonzert der Deutschen Grammophon eine erste Live-Kostprobe mit einem neuen Arrangement von Across the Stars aus Star Wars: Episode II – Attack of the Clones (2002) und seit einigen Monaten hat das Label Deutsche Grammophon über ihren YouTube-Kanal Single-Auskoppelungen ausgewählter Stücke der nun veröffentlichten CD präsentiert. Zudem tauchten etliche Kurzvideos mit Anne-Sophie Mutter – natürlich passend mit Yoda-T-Shirt – im Gespräch mit Maestro John Williams in den Feeds der sozialen Medien auf. Alles schön und gut, doch kann das Ergebnis nun den damit wohl (zusätzlich) angehobenen Erwartungen dieser Kollaboration zweier hervorragender Künstler mit je illustrem Palmarès gerechte werden? Jein. 


Das Hauptproblem liegt meiner Meinung nach darin, dass über die Dauer der gesamten Albumspielzeit – die mit gut 55 Minuten eigentlich nicht übermässig lang ausgefallen ist – das Spiel der Violine zu aufdringlich ist und nicht alle hier präsentierten Arrangements vom Geigen-Lead profitieren. Klar, der Geige soll hier das Hauptaugenmerk zukommen, doch im Ergebnis komme ich nicht umhin, deren Präsenz als zu forciert einzuschätzen. Obwohl John Williams höchstpersönlich nicht nur die neuen Arrangements geschrieben hat, sondern für diese Aufnahme auch das The Recording Arts Orchestra of Los Angeles dirigierte, bleibt der Orchesterklang über weite Strecken auffällig zurückhaltend. Oder anders ausgedrückt: man kommt nicht umhin zu vermuten, dass für dieses Album das Spiel von Anne-Sophie Mutter in der finalen Abmischung speziell hervorgehoben wurde. Bei einem Violinkonzert steht die Violine dem Orchester auch vor und sie hat exponierte Soli wie Kadenzen, doch empfinde ich das „Nebeneinander“ von SolistIn und Orchester in der Regel als harmonischer. Interessanterweise klingt auch das Video von der obgenannten Live-Weltpremiere des Stücks Across the Stars mit der Staatskapelle Berlin, unter der Leitung von Manfred Honeck, für mich in der Balance harmonischer als die hier auf dem Album präsentierte Studioaufnahme. Mich stört im Falle dieses Albums und mit fortschreitender Laufzeit die herausragende Präsenz des Geigenspiels von Anne-Sophie Mutter. Doch sicherlich sehen hierin auch viele einen besonderen Reiz. 


Was das CD-Programm angeht, ist die Auswahl spannend ausgefallen. Von aktuellen Kinohits wie Rey’s Theme aus Star Wars: Episode VII – The Force Awakens (2015) bis hin zum romantisch-melancholischen Nice to be Around aus dem Drama Cinderella Liberty (1973) ist eine breite Palette an Themen und Motiven aus Williams’ Schaffen vertreten. Dabei funktionieren diese beiden Stücke auch wirklich schön in der hier präsentierten neuen Form. Auch das verspielte Donnybrook Fair aus Far and Away (1992; das Stück gibt es so auf früheren Alben nicht, aber es stützt sich primär auf das Hauptthema) und das stets emotional aufwühlende Thema aus Schindler’s List (1993) sind auf dem Album vertreten und schön anzuhören – wobei beide Kompositionen auch im Original vom Spiel der Geige angeführt werden, weshalb diese Stücke im hier präsentierten Arrangement nicht wirklich Novum-Charakter haben. Ein solcher stellt sich indes im Falle von Hedwig’s Theme aus Harry Potter and the Philosopher’s Stone (2001) stärker ein. Hier schrieb Williams für Mutter einige an sich imposante, filigrane Soli, doch wähnt man sich stellenweise kaum mehr im Hedwig’s Theme. Dass im Falle von Memoirs of a Geisha (2005) die Wahl auf Sayuri’s Theme gefallen ist, ist eine schöne Überraschung, zumal das Thema an sich herrlich ist, jedoch im Original das eigentliche Geigensolo besonders beim Stück The Chairman’s Waltz zu tragen kommt. Mit Night Journeys aus Dracula (1979) folgt ein Highlight dieses Albums – wie sich Anne-Sophie Mutter und das Orchester hier die Themen zuspielen, ist besonders gelungen. Zwischen dieser dunkel-romantischen Komposition und dem stürmischen The Duel – eigentlich dominiert vom Adventure Continues-Thema – aus The Adventures of Tintin: The Secret of the Unicorn (2011) verblasst das Thema aus Sabrina (1995) leider. 


In Bezug auf das Programm ergibt sich mit Blick auf das in München für den 14. September 2019 angekündigte Open-Air-Konzert zu dieser Kollaboration zwischen Mutter und Williams eine Auffälligkeit: Gemäß den Konzertdetails sollen dort auch Stücke wie das hervorragende A Prayer for Peace aus Munich (2005), das Thema aus Jurassic Park (1993) und der Chairman’s Waltz (hier haben wir ihn) aus Memoirs of a Geisha gespielt werden. Weshalb diese Stücke nicht auf dem „Across the Stars“-Album mit drauf sind, darüber kann nur spekuliert werden – waren die Arrangements zum Zeitpunkt der Aufnahmen noch nicht fertig? Soll später ein weiteres Album folgen? Eventuell erfahren wir hierzu später mehr. 


Fazit: Das Album „Across the Stars“ dürfte für Fans von Anne-Sophie Mutter und das Solospiel der Geige rundum spannend sein. Die Dominanz der Geige kann jedoch auch strapazieren, wie oben im 2. Abschnitt ausgeführt (ähnlich auch beim 2Cellos-Album „Score“ aus dem Jahr 2017; der konstante Cello-Sound lässt die Filmmusik-Highlights mit der Zeit an Facetten einbüssen). Daher werden Fans von Williams wohl das eine oder andere Mal lieber wieder auf die jeweilige Originalversion zurückgreifen. 
Noch ein Kommentar zum Booklet: Dem Album liegt ein mehrseitiges Booklet bei, das eine Einleitung von John Williams enthält, ein Text von Jon Burlingame und Zitate von Anne-Sophie Mutter und Williams. Alle Inhalte sind in Deutsch und Englisch abgedruckt. Inhaltlich gehen diese Texte und Zitate jedoch leider nicht über ein sich wiederholendes, verbales Schulterklopfen hinaus. Schade, denn hier hätte es punkto Auswahlkriterien und der Arbeit an neuen Arrangements sicherlich interessanteres zu berichten gegeben.


★★★
Basil Böhni 


Musik-VÖ [CD]: 30.08.2019 
Deutsche Grammophon 
55:09 Min / 12 Tracks